Dienstag, 12. Februar 2008



Heute klingelt dann doch mal wieder der Wecker, wir haben eine Township-Tour gebucht und werden um 8:30 Uhr - bei strahlendem Sonnenschein (endlich Sonne, kein Regen mehr!)  - von unserem Hotel abgeholt. Mit Mike unserem Guide geht es dann zunächst im Minibus in Richtung Innenstadt, wo wir insgesamt noch ca. 10 weitere Gäste einladen und schon eine kleine private Stadtführung mit Erläuterungen bekommen.

Als wir alle komplett sind, geht es noch einmal retour zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die uns vom Bus aus erläutert werden. Dies freut uns sehr, denn eine Stadtrundfahrt hätten wir auch gerne gemacht, aber aus Zeitmangel verschoben und nun hat es also doch noch geklappt. Wir fahren durch den "District Six", wo wir in die Geschichte der Apartheid eintauchen. Dieser einst gemischte-bevölkerte Stadtteil wurde in den 60er bis 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nahezu komplett abgerissen und die dort lebende schwarze Bevölkerung in Townships zwangsumgesiedelt.

Wir werden heute das Township "Langa" besuchen und erfahren auf dem Weg dorthin, dass es das älteste Township in der Kapstädter Umgebung ist und in den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts für Hafenarbeiter errichtet wurde. War es zunächst nur eine Siedlung für Männer, die in sog. Hostels lebten, so holten diese in den nächsten Jahrzehnten ihre Familien nach, so dass es zu einer Explosion der Bevölkerungszahl kam. Leben zur Zeit offiziell ca. 60.000 Menschen in Langa, so sind es inoffiziell ca. 250.000.

Direkt nach der Einfahrt ins Township passieren wir die Schule und einen großen Sportplatz und sind überrascht, wie viele Menschen auf den Straßen unterwegs sind. Am Visitor Center parken wir unseren Bus und treffen unseren Guide, der aus Langa stammt und uns nun zu Fuß weiter begleiten wird. Wir erfahren, dass das Township verschiedene "Stadtteile" oder Bereiche hat. Um das Visitor Center herum befinden sich viele Steinhäuser, die zum größten Teil sehr klein und für unser Verständnis erstaunlich dicht beieinander stehen. Einige sind liebevoll gestaltet, andere unverputzt mit Unrat im Vorgarten. Zahlreiche Autos sind vor den Häusern geparkt und wir gehen davon aus, dass wir uns nun sicherlich im absoluten Vorzeigebereich befinden. Ebenso wie in vielen "weißen" Siedlungen sind zahlreiche Häuser mit einem hohen Eisenzaun umgeben. Unsere Befürchtung im Vorwege, eine Townshiptour würde ablaufen wie im "Zoo", wo die reichen Touristen ihre Neugierde befriedigen und die arme schwarze Bevölkerung bemitleidet, hat sich bisher zum Glück noch nicht bestätigt.

Als nächstes besuchen wir ein sog. "Hostel", in dem ehemals die Arbeiter untergebracht wurden, die mittlerweile aber auch ihre Familien nachgeholt haben. In einem zweigeschossigem Gebäude befinden sich neben einer Gemeinschaftsküche einige Zimmer, die sich ehemals jeweils drei Arbeiter teilten, nun aber von jeweils drei Familien belegt sind. Wir besichtigen ein Zimmer im Erdgeschoß, es ist ca. 10qm klein, an beiden Längsseiten und an einer Querseite stehen kleine erhöhte Betten, der Platz darunter und auf einem Brett darüber ist gefüllt mit wenigen persönlichen Gegenständen. Als einziger Luxus anzusehen ist der Fernseher, der unter der Decke an der vebleibenden Querseite aufgehängt ist und natürlich auch läuft. Wir sind alle geschockt und können es uns nicht vorstellen, dass hier in einem solchen Zimmer durchschnittlich 16 Personen "wohnen". Tagsüber gehen diese Menschen einem ganz normalen Job nach. Natürlich kann man die Situationen nicht vergleichen, aber in Deutschland wird aus der Sicht der Menschen hier schon auf einem sehr hohen Niveau gejammert und wir und unsere Mitreisenden sind sichtlich geschockt.

Hostel im Township Langa
Township Langa

Anschließend passieren wir an einer Straße einen Verkaufsstand für Schmuck, der im Township hergestellt wird. Obwohl unser Führer uns am Beginn der Tour eingeschärft hatte, dass wir nur kaufen sollen, wenn es uns wirklich gefällt und wir den Preis okay finden, kaufen wir nun fast alle doch ein Schmuckstück, die zwar nicht schöner, aber auch nicht teuer als sonst sind. Anschließend führt uns unser Guide ins "Villenviertel" des Townships. Und in der Tat sehen wir recht ansehliche Steinhäuser, die zwar für unsere Verhältnisse immer noch recht klein und eng beisammenstehen, aber sich deutlich vom sonstigen Standart abheben.

"Nobelviertel" im Township Langa
"Nobelviertel"

Nur 200m weiter erreichen wir das Viertel, was unser Bild von einem Township seit Beginn der Reise bestimmt hatte, nämlich eine desolate Ansammlung von ärmlichen Bretter- und Wellblechhütten. Wir erfahren, dass es sich hierbei um illegale Bauten handelt, die zunächst regelmäßig zerstört wurden, jedoch mittlerweile toleriert werden, da die Bewohner sie einfach immer wieder neu errichtet haben. Die Wellblechhütten stehen dicht an dicht in dem schmalen Streifen, den das Township von der Autobahn trennt. Einige Bewohner des Townships, die die Enge, z.B. in den Hostels nicht mehr ertragen konnten, haben sich hier eine neue Heimat errichtet (wer sollte es ihnen verdenken? Nachdem wir die unmenschliche Enge in den "Hostels" gesehen haben, können wir durchaus verstehen, dass man ein Leben in einer Wellblechhütte wegen der sich bietenden Privatsphäre vorzieht)

Wellblechhüttensiedlung im Township Langa
Wellblechhüttensiedlung

Auch hier dürfen wir eine der Hütten besichtigen. Sie ist winzig klein, in ihr befindet sich lediglich ein kleines Bett, sowie ein Kühlschrank und ein Herd. Strom ist auch vorhanden, die Kabel verlaufen illegal verlegt, völlig ungeschützt an der niedrigen Decke entlang, die Verbindungen wurden nur notdürftig mit etwas Klebeband isoliert. Da mag man sich nicht vorstellen, was passiert, wenn es regnet (und dass es in Kapstadt richtig schlechtes Wetter geben kann, haben wir ja in den vergangenen zwei Tagen gesehen). Unser Guide bestätigt dann auch, dass sehr, sehr viele Unfälle durch die mangelhaft verlegten Stromkabel passieren und v.a. durch die Verwendung von Paraffin als beliebten Brennstoff zum Kochen. Und tatsächlich, der Paraffingestank in der Hütte ist sehr penetrant. Wir erfahren, dass die Regierung die Wellblechsiedlungen in den nächsten Jahren beseitigen möchte und daher für die Bewohner neue Steinhäuser gebaut werden, in denen sie neue Wohnungen zugewiesen bekommen. Ensprechende Bautätigkeit können wir dann auch tatsächlich am Rande des Townships beobachten. Sicherlich eine sehr gute Idee, hoffentlich klappt es.

Unsere Tour ist nun zuende und ziemlich beeindruckt verabschieden wir unseren Guide und steigen zu Mike in den Minibus, der uns noch einmal zum Visitor Center bringt. Hier besuchen wir noch kurz eine Töpferei, in der wir eine Erläuterung des Produktionsverfahrens bekommen. Wir erfahren, dass hier Bewohner des Townships "in die Lehre" gehen können und im Anschluß ein Darlehen bekommen, mit dem sie in die Lage versetzt werden sollen, ein eigenes Geschäft für Ihre Töfperwaren zu eröffnen. Auch dies eine gute Idee.

Langa verlassen wir anschließend mit dem Minibus, jedoch nicht, ohne noch eine Rundfahrt durch das "Stadtzentrum" zu machen. Wir sehen den riesigen Busbahnhof, in dem die Minibustaxen in alle Richtungen starten, fahren an der "Fressmeile" vorbei, wo sich über einige hundert Meter ein Grillstand an den nächsten reiht, sehen einen Schlachter und einen Frisör, der in einer winzigen kleinen Wellblechhütte seiner Arbeit nachgeht. Und überall stehen kleine knallrote Wellblechhütten, in denen die Bewohner für 1 Rand / Minute telefonieren können und die dicht von Menschen umlagert sind. Ein riesiges Ersatzteillager für Autoteile und Reifen bildet dann die letzte Station bevor wir wieder die Autobahn erreichen.

Nur wenige Minuten später erreichen wir - was für ein Kontrast - die Victoria & Alfred Waterfront, von der aus unsere Tour zu Robben Island in Kürze starten wird.

Nelson Mandela Gateway
Nelson Mandela Gateway: Von hier aus starten die Touren zur Robben Island, im Gebäude befindet sich ein Museum

Robben Island ist die berüchtigte Gefängnisinsel, auf der politische Gegner inhaftiert wurden, u.a. hat Nelson Mandela hier 27 Jahre seines Lebens verbracht. Ein sehr beliebter Ausflug in Kapstadt, überall sehen wir daher große Menschenmassen. Schnell noch die reservierten Karten von der Kasse abgeholt und in die Schlange für das Schnellboot angestellt, da haben wir auch schon abgelegt. Wir ergattern einen schönen Platz auf dem Außendeck und genießen eine 30minütige Fahrt, in der wir die Skyline und den Tafelberg ohne Wolken bei strahlendem Sonnenschein bewundern dürfen.

Ausflug nach Robben Island - Blick auf Kapstadt
Der Blick vom Boot zurück auf Kapstadt und den Tafelberg

Schon alleine diese Bootsfahrt hätte den Ausflug rechtfertigen können! Auf Robben Island ist dann alles militärisch straff durchorganisiert. Wir werden in die schon bereitstehenden Busse gebeten und beginnen mit einer einstündigen Bustour, die uns zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten bringt, u.a. den Steinbruch, in dem die Gefangenen und mit ihnen auch Nelson Mandela stundenlang schuften mußte. Was für eine Schinderei in der gleißenden Sonne! Ob die Gefangen wohl wußten, dass das gewonnene Material größtenteils auf der anderen Seite der Insel wieder in Meer geschüttet wurde?

Eingang zur Robben Island
Robben Island

Der eigentliche Gefängniskomplex wird im Rahmen einer geführten Tour präsentiert, hierfür verlassen wir den Bus und betreten mit unserem neuen Führer das Gebäude.

Robben Island Tour
Die Besichtigung des Robben Island Gefängnis war sehr beeindruckend, leider war unser Gruppe viel zu groß

Alle Führer im Gefängnis sind ehemalige Gefängnisinsassen und unserem Führer merkt man durchaus noch die vielen Emotionen an, als er uns von den unglaublichen Bedingungen im Gefängnis erzählte. Nur zwei Mal im Jahr durfte Besuch empfangen werden (für 45min) und Briefe gab es in gleicher Seltenheit. Später wurden geringfügige Erleichterungen von diesen strengen Regeln gewährt, je nachdem für wie "gefährlich" der Gefangene erachtet wurde. Aber auch dann gab es im besten Falle auch nur einen Besuch alle sechs Wochen. Höhepunkt der Führung ist dann natürlich die winzige Zelle von Nelson Mandela, 4qm klein, ausgestattet lediglich mit vier rauen Decken, die auf dem Boden ausgebreitet, jedoch nur während der Nacht benutzt werden durften.

Nelson Mandelas Zelle in Robben Island
Die berümte Zelle Nelson Mandelas auf Robben Island

Tagsüber mußten sich die Gefangenen barfuß (die Gefängnisbekleidung sah weder Unterwäsche noch Schuhe vor) auf dem bloßen Zellenboden aufhalten. Wir sind alle sehr beeindruckt und bekommen eine Vorstellung von der menschlichen Größe dieses Mannes, der nachdem er so viel erduldet hat nach seiner Freilassung einen friedlichen Weg gegangen ist.

Nach der Führung bleiben nur wenige Minuten bevor wir alle wieder auf dem Boot sein müssen und so hetzen wir in Richtung Hafen. Alles in allem ein sehr beeindruckender Ausflug, wir sind froh, dass wir noch Karten bekommen hatten. Schade war nur, dass insbesondere in der Gefängnisanlage unsere Gruppe viel zu groß war.

Die Rückfahrt nach Kapstadt bietet nun deutlich mehr Seegang als auf der Hinfahrt, aber wir überstehen es unbeschadet. Belohnt werden wir durch eine Sichtung einer Delphingruppe, die uns sehr nahe passiert, als wir in das Hafenbecken einbiegen. Das Wetter ist immer noch grandios, der Tafelberg wolkenfrei. Und da wir von vielen Seiten den Tipp bekommen hatten, sobald der Tafelberg wolkenfrei sei, uns unverzüglich dorthin zu begeben, wollen wir dem Tipp nun auch wirklich nachkommen und fahren mit einem Taxi zurück zu unserem Hotel um dort sogleich in unser Auto umzusteigen. Mittlerweile ist es bereits 17:30 Uhr, hoffentlich hat die Seilbahn noch länger auf! Wir stehen im Stau und erreichen dann doch noch endlich die Talstation der Bahn und freuen uns, als wir auf einer Tafel lesen, dass die Bahn bis nach 21:00 Uhr in Betrieb sei.

Stau auf dem Weg zum Tafelberg
Sonnenschein - und wie wir wollen alle zum Tafelberg. Zum Glück war der Stau dann doch nicht so schlimm.

Als wir uns an der Talstation anstellen, erfahren wir dann zu unserer Überraschung, dass die Bahn für den Rest des Tages nur noch Menschen bergab befördern würde, da die Windverhältnisse oben auf dem Berg sehr schlecht seien. Wir schauen uns um, aber soweit unser Auge sieht, nur absolutes Traumwetter und irgendwie glauben wir die Geschichte mit dem Wind nicht und bleiben noch einen Moment an der Station stehen, während die meisten anderen Besucher enttäuscht den Rückweg antreten. Gerade als auch wir gehen wollen, wird die Bahn plötzlich wieder auch für Bergfahrten geöffnet und wir strömen schnell durch den Eingang in Richtung Kasse, bevor die Betreiber es sich wieder anders überlegen! Und so können wir dann tatsächlich mit der zweiten Bahn nach oben fahren und haben uns die sonst übliche Menschenschlange gespart.

An der Talstation treffen wir Anne und Timo wieder, die wir vor einigen Tagen in Makalali kennengelernt hatten. Die Welt ist wirklich klein (oder die Wege aller Touristen sind immer gleich).

Tafelbergseilbahn
Die Seilbahn auf den Tafelberg ist modernste schweizer Technik, die Gondel dreht sich während der kurzen Fahrt um 360° um die eigene Achse, dies ermöglicht wunderschöne Blicke auf Kapstadt

Blick auf Kapstadt von der Tafelberg-Seilbahn

Oben auf dem Tafelberg erwartet uns eine grandiose Aussicht bei strahlendem Sonnenschein, von Wind keine Spur. Wir laufen den obligatorischen Rundweg, genießen die Aussicht und sehen zu, wie die Sonne sich anschickt, langsam im Meer zu versinken. Viele Menschen haben sich hierzu mit einem Gläschen Wein bereits in Positur gebracht.

Impressionen vom Tafelberg
Impressionen vom Tafelberg, auf dem rechten Foto im Hintergrund sieht man Robben Island

Bei der Rückfahrt gab es keine Probleme und wir erreichen zügig unsere Unterkunft in deren Restaurant wir exellent essen bevor wir wieder todmüde ins Bett fallen. Morgen ist schon unser letzter Tag - wie schade!

... Und zum Abschluß des heutigen Tages noch eine Impression von Kapstadt beim Sonnenuntergang:

Sonnenuntergang über Kapstadt
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