Donnerstag, 30.08.2007


Als unser Wecker um 3:30 Uhr klingelt fällt das Aufstehen erstaunlicherweise trotz der ungemütlichen Enge im Zelt recht schwer. Über Nacht hatte es etwas abgekühlt, die Temperaturen im Zelt ist sind nun erträglicher und wir liegen trotz allem ganz bequem auf den Isomatten. Schnell noch ein kurzer Check unserer Gliedmaßen: Kein Muskelkater! Hurra, aber ich fühle mich etwas steif.
Wir bereiten unser Instant-Müsli aus dem Trekkingladen zu (nur noch Wasser zugeben, praktisch), auf Kaffee verzichten wir, da wir den Kocher nicht wieder auspacken wollen und begnügen uns mit einem Schluck kalten Wassers. Wir betrachten die Umgebung. Der Mond ist noch sehr groß (vor zwei Tagen war Vollmond) und nach einiger Zeit können wir auch ohne künstliches Licht ganz gut sehen. Am Nordrand leuchtet ein Licht, hier ist die Logde, es sieht sehr weit weg aus!
Wir waschen ab, füllen die Wasservorräte auf, rollen die Isomatten auf und verstauen unsere leichten Seidenschlafsäcke im Rucksack. Nachdem auch das Zelt abgebaut und in Joachims Rucksack verschwunden ist, Sonnencreme aufgetragen ist und die Wanderstiefel geschnürrt sind, zeigt die Uhr schon 5:30 Uhr. 

Vor uns liegen heute 7,3 Meilen (11,8 Kilometer) bei einem Höhenunterschied von 510 Metern.

Höhenprofil: North Kaibab Trail; Tag 2
Das erwartet uns heute



Der erste Teil des Weges geht nahezu ebenerdig über eine Hochebene mit kleinen Sträuchern und Büschen.

Der North Kaibab Trail kurz hinter dem Cottonwood Campground
Der North Kaibab Trail in der Morgendämmerung kurz nachdem wir den Cottonwood Campground hinter uns gelassen haben, vor uns am Horizont liegt der Südrand.


Es wird nun stetig heller und zufällig entdecken wir am Wegesrand ein "mule deer", ein Maultier mit riesigen Ohren.

Mule Deer am North Kaibab Trail
Ein Mule Deer nascht an den Früchten der Kakteen direkt am Wegesrand, wir hätten ihn fast nicht gesehen

Nur wenig später sehen wir noch ein Jungtier, dieses ist sehr ängstlich und hüpft wie ein Gummiball eilig davon. In der Ferne sehen wir, wie die Sonne beginnt, den entfernten Südrand zu beleuchten und wie die Felsen sich herrlich gelb-orange-rot verfärben.

Wir passieren den Abzweig zu den Ribbon Falls, der Weg ist immer noch sehr angenehm zu gehen. An einem Bachlauf wird der Weg für ein kurzes Stück sehr sumpfig und wir müssen ein paar Mal vor und zurück durch den Morast irren, bis wir den richtigen Weg finden. Unsere Wanderstöcke sind sehr hilfreich, dass wir nicht ausrutschen und in den Matscht
fallen.
Nach einigen Meilen nähert der Weg sich dem Bright Angel Creek wieder an und wir kommen in eine Schlucht ("The Box").

"The Box" am North Kaibab Trail
"The Box", hier bildet der Bright Angel Creek eine kleine Schlucht

Die Canyonwände sind nun braunrot, teilweise rosafarben und glänzen sehr schön. Teilweise ragen sie dicht neben unserem Weg bis zu 300 Meter hoch auf. Das Gestein ist über 1 Milliarde Jahre alt, unglaublich. Der Weg schmiegt sich eng an die Wände und an den Bach. Alles liegt im Schatten und das Gefälle ist sehr moderat. Der Weg zieht sich so unendlich lange hin und wir machen unsere erste kurze Pause. Nachdem wir stundenlang keinem Menschen begegnet sind, kommen uns nun einige wenige Wanderer entgegen. Wir überlegen, wann uns die Sonne heute wohl wieder erreichen würde, als sich plötzlich der Canyon weitet und wir den Abzweig des "Clear Creek Trails" passieren, der nach Osten zieht. Wir wissen, nun ist es nicht mehr weit! Da ist es auch egal, dass die Sonne ab jetzt schon wieder ziemlich heiß auf uns nieder brennt. Wir haben noch große Wasservorräte am Rucksack hängen und legen daher noch einmal eine kurze Pause an einem der wenigen schattigen Fleckchen ein.

Fast am Ziel angekommen, passieren wir zunächst die "Phantom Ranch", die in den 1930er Jahren erbaut wurde und aus einer Ansammlung von kleinen Cabins besteht, in denen die Mules-Reiter eine Unterkunft finden. Alles gelegen in einer traumhaften Landschaft aus hellgrünen Cottonwood-Bäumen, Sträuchern und Gräsern. Nahe der 
Mündung des Bright Angel Creeks in den Colorado liegt idyllisch der den Bright Angel Campground in einer wunderschönen Oase. Wir haben auf Grund unserer frühen Ankunft (erst 9:30 Uhr) reichlich Auswahl unter den tollen Zeltplätzen, die teilweise direkt am Ufer des Bright Angel Creeks liegen.

Unser Campground Nr. 9 am Bright Angel Campground
Unser Zeltplatz, links sieht man den Bright Angel Creek

Wir wählen Zeltplatz Nr. 9 direkt am Ufer (eigene Badestelle!) und breiten wie gestern als erste Maßnahme unsere Isomatten auf dem Boden aus und legen
uns erst einmal für einige Zeit hin. Wir genießen den Luxus von Schatten auf unserem Zeltplatz und erholen uns gut. Der Weg heute war lange nicht so anstrengend wie am Vortag, aber er zog sich doch sehr lange hin.
Nach kurzer Erholungszeit packen wir unseren Kocher aus und genießen einen deutschen Instantkaffee und beobachten den kleinen Weg, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bright Angel Creek hinzieht, er führt vom Colorado zur Phantom Ranch und dort ist einiges zu sehen: Transport-Mules, die nur mit Kisten beladen sind, Mule-Reiter, Wanderer und Flußfahrer, die ebenfalls hier gerne eine Rast einlegen und statt der Zeltübernachtung eine Unterkunft in der Phantom Ranch buchen.  Besonders die Touristen auf den Mules sind interessant, einige sitzen wie richtige Cowboys im Sattel, anderen sieht man die Strapaze des Rittes deutlich an. Aber nun ist es für sie ja nicht mehr weit. Für alle Reiter gibt es übrigens ein strenges Gewichtslimit von 200 US-Pfund, welches man inclusive Gepäck nicht überschreiten darf. Das finden wir sehr gut!

Mit dem Maultier in den Grand Canyon
Wer nicht wandern oder raften will, kommt mit dem Maultier

Maultier im Grand Canyon
Geschafft! Nicht nur Wanderer sind müde....

Obwohl unser Zeltplatz mit Bäumen und Sträuchern gut umstellt ist, steht die Sonne irgendwann so hoch, dass bald auch der letzte Schatten verschwunden ist und wir uns auf die Suche nach einem neuen schattigen Plätzchen machen müssen. Zum Colorado wollen wir erst heute abend zum Sonnenuntergang, also gehen wir in die andere Richtung zur Phantom-Ranch, die wir heute morgen ja schon auf unserem Weg passiert haben.
Die kleinen steinernen Häuschen der Ranch liegen wunderschön in der Oase aus grünen Bäumen und schönen Gräsern. Wer denkt schon oben am Canyonrand, dass es hier so nett ist? Von wegen nur öde Steinwüste!

Phantom Ranch
Die Phantom Ranch, eine Oase unter hellgrünen Cottonwood Bäumen

Cabin der Phantom Ranch
Die Cabins sehen sehr einladend aus, wer hier wohnen will muß mit einem Muli kommen und rechtzeitig vorher buchen

Wir besuchen die kleine "Canteen", hier kann man Kleinigkeiten und kalte Getränke, wie selbstgemachte Limonade und Eistee kaufen. In der kleinen Gaststube kann man sich während der heißen Tagesstunden hervorragend aufhalten, durch eine spezielle Kühlung (Luft wird durch feuchte Tücher in das Rauminnere geleitet) ist es sehr angenehm. Die angebotenen Waren werden alle auf dem Rücken der Maultiere zur Phantom Ranch gebracht, da schmeckt der Apfel gleich nochmal so gut, wenn man weiß, wie mühsam er hierher gebracht wurde.
In der Canteen treffen wir auch das Ehepaar mit Bruder wieder, die mit uns im Shuttle-Bus zum Nordrand gefahren sind. Sie haben eine Cabin in der Phantom Ranch für zwei Nächte gemietet und legen heute ihren "Ruhetag" ein. Gestern mußten sie den ganzen Weg vom Nordrand zum Colorado laufen und haben - mit nur kleinem Rucksack - hierfür 12 Stunden gebraucht. Sie sind noch immer ganz k.o. Wir können es gut verstehen! Wir unterhalten uns angeregt, der Ehemann der Frau ist Zahnarzt in Los Angeles und wir tauschen uns ein wenig über diese Stadt aus, die wir in Kürze ja auch noch auf dem Programm haben.

Um 16:00 Uhr schließt die Canteen, es wird dann in der angrenzenden kleinen Küche das Essen für die Ranch-Bewohner vorbereitet. Wir verlassen die Canteen jedoch schon etwas früher, da wir unsere private Badestelle noch ausgiebig nutzen wollen. Der Bright Angel Creek liegt nun teilweise im Schatten, ideal, um die Beine im Wasser baumeln zu lassen. Der Colorado hat seit dem Bau des Glen Canyon Staudamms das ganze Jahr über eine konstante Temperatur von 54°F (ca. 12°C), der Bright Angel Creek ist ähnlich kalt.... Das Thermometer auf dem Campingplatz zeigt üner 40°C im Schatten an, da kommt jede Abkühlung sehr recht und wir sitzen entspannt auf den Steinen im Bach und genießen für einige Zeit den schönen Ausblick auf die rosafarbenen Felswände um uns herum, die einen wundervollen Kontrast zu den hellgrünen Cottonwood-Bäumen bilden.

Bademöglichkeit am Bright Angel Creek
Hier im Bright Angel Creek kann man es bei 40°C hervorragend aushalten

Wir treffen am Nachmittag die vier Kanadier aus dem Shuttle-Bus wieder, sie beziehen den Zeltplatz direkt gegenüber unserem und wir unterhalten uns ein so gut, dass wir nicht merken, dass wieder einmal dunkle Wolken über uns aufziehen. Ein böeiger Wind frischt auf, der Wind ist so heiß, dass man glaubt, man hält den Kopf in den geöffneten Heißluftofen. Unglaublich, kann man schlecht beschreiben, muß man erlebt haben. Gibt es heute etwa doch ein Gewitter? Wir hoffen nicht, aber einen schönen Sonnenuntergang wird es sicherlich bei den Wolken auch nicht geben, schade! Zum Glück haben wir ja noch eine Übernachtung hier geplant, also hoffen wir auf  morgen.

Wir sind hungrig und beschließen, lieber schnell noch zu kochen, bevor das Unwetter losgeht und bauen den Kocher auf. Unser Zelt verfügt nicht über eine Möglichkeit, geschützt einen Kocher zu betreiben. In der Hitze kocht das Wasser über unserer Gasflamme in Windeseile. Die Nudelgerichte peppen wir mit gesalzenen Nüssen und einigen Päckchen Fertigparmesankäse auf. V.a. der Parmesan macht daraus ein kleines Festessen. Nach jedem gegessenen Nudelgericht wird unser Rucksack für den Rückweg auch ein wenig leichter, hurra!

Das Unwetter bleibt uns trotz der dunklen Wolken erspart, ein schöner Sonnenuntergang bleibt dadurch leider auch aus. Um kurz vor 20:00 Uhr ist es nach kurzer Dämmerung fast schlagartig richtig dunkel, nur manchmal huscht der Lichtkegel einer Taschenlampe an unserem Zeltplatz vorbei,  d.h. irgendjemand ist auf dem Weg zum Wasserhahn oder zu seinem Zeltplatz unterwegs. Wir haben noch keine Lust auf unser klaustrophobisch enges Zelt und schnüren unsere Wanderschuhe, um zur Phantom Ranch zu gehen. Die Canteen öffnet nämlich um 20:00 Uhr nochmals für alle nachdem das Abendessen der Gäste abgeschlossen ist.

Pünktlich um 20:00 Uhr öffnet sich tatsächlich die Tür und einige bereits wartende Gäste und wir strömen hinein und nehmen an den langen Tischen Platz. Wir gönnen uns ein gekühltes Bier aus der Dose, was für ein Luxus! Morgen haben wir ja noch kein festes Programm. Eigentlich wollten wir den Tag ja nutzen, um ein gutes Stück des Clear Creek Trails zu erkunden, aber unser Beine sind recht müde und wir beschließen, es morgen trotz bester Vorsätze erst einmal langsam angehen zu lassen.

Uns gegenüber sitzen zwei Freunde aus Kalifornien, beide Männer sind um die 50 Jahre alt und schon seit einigen Tagen mit ihrem Zelt unterwegs. Wie wir sind sie heute vom Cottonwood Campground gekommen. Wir hatten die Beiden jedoch bisher weder auf dem Cottonwood noch auf dem Bright Angel Campground gesehen. Sehr beeindruckt hat uns, als sie uns erzählten, dass sie vor einigen Tagen am Südrand gestartet sind, von dort zum Nordrand gewandert sind und nun alles wieder retour zum Südrand laufen. Was für eine Tour! Sie sind überrrascht, als wir ihnen erzählen, dass wir nur vom Nord- zum Südrand laufen. "Und was machen Sie mit Ihrem Auto?" fragen sie uns erstaunt. Von dem Shuttle-Service hatten sie noch nichts gehört! Ich finde die Idee, die Strecke in beiden Richtungen zu begehen trotzdem sehr reizvoll, der Weg hat sicherlich einen ganz anderen Charakter, ob man ihn bergauf oder bergab wandert, aber den vielen Proviant, den man dann tragen muß.....Hut ab!
In der Canteen liegen einige Gesellschaftsspiele aus, diese werden reichlich genutzt. Wir spielen mit den beiden Freunden aus Kalifornien "Jenga", wo aus schmalen Holzstückchen zunächst ein Turm mit jeweils drei Stäbchen pro Reihe, die jeweils in der Richtung versetzt werden, aufgebaut wird. Reihum muß ein Stäbchen entfernt werden ohne dass der Turm umfällt. Wir haben hart gekämpft und viel Spaß gehabt.
Als wir später in unser Zelt kriechen ist es mal wieder unerträglich heiß, hoffentlich wird es heute nacht noch etwas kälter...
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